Wandern, für mich lange Zeit ein Hobby mit sieben Siegeln. Schon Spazieren gehen war für mich nur aufgrund unseres Hundes vertretbar. Aber später fragte ich mich immer, wieso ohne Ziel eine Runde um den Block gehen? Versteht mich nicht falsch, ich mag Sport und gehe gerne raus, sonst wäre ich bei SoS Events und Simsalabim Reisen wohl falsch aufgehoben! Aber doch nicht so! Warum im Sommerurlaub hunderte Höhenmeter auf einen Berg kraxeln, wenn man doch so einfach Hausboot-Touren, Campingtrips oder Ausflüge zum Meer machen kann? Und jetzt stehe ich hier und tue genau das, was ich schon immer verwunderlich fand: Ich wandere und zwar so richtig!

Gemeinsam mit der Familie meines Freundes führte uns der Sommerurlaub 2016 ins Jaufental, Südtirol. Als eines der Ratschinger Täler bietet es eine ganze Palette an Freizeitmöglichkeiten für Kind und Kegel. So liefen wir uns am ersten Urlaubstag erst einmal auf einem Rundwanderweg zur Kalcheralm ein. Zwischenstationen hielten die Kids bei Laune und nach einer Stärkung wagten wir uns zu zweit noch an den Jaufenpass, über den wir nach 1,5 Stunden zurück zur Ferienwohnung laufen konnten. Die im Nachhinein lächerlich wirkenden 1.777 Höhenmeter ließen mich zum ersten Mal fragen, ob ich mich mit diesem Urlaub richtig entschieden hatte.

Aber es gab gar keine Zeit für weitere Zweifel, denn schon am nächsten Tag ging es zur Wilden Kreuzspitze. Wir starteten auf knapp 1.700 Höhenmetern und wanderten durch herrliches Bergpanorama und bei schönstem Sommerwetter über die Brixner Hütte bis zum Gipfel. Und nach einem ersten Verschnaufen stellte es sich ein, dieses Gefühl von Stolz, dass man seinen ersten 3.000er aus eigener Kraft bestiegen hat. Belohnt durch den Blick über unzählige Berggipfel und den frischen Wind um die Nase, hat sich mir dieser Augenblick wohl für immer eingeprägt. Ab jetzt kann ich alles schaffen! Und das sollte ich in den kommenden Tage unter Beweis stellen. Aber erst einmal brauchten wir, und vor allem ich, einen Tag zum Verschnaufen. Mit Minigolf, Kneipp Bad und einem Stadtbummel durch Sterzing fanden wir genau die richtigen Aktivitäten. Und als Muskelkater und Kondition ihr Okay gaben, konnte das nächste Abenteuer in Angriff genommen werden: Das Becherhaus, die höchste Schutzhütte Südtirols.

Mit der Aussicht auf eine 8-stündige Wanderung, starteten wir bereits um 6 Uhr morgens, um die wunderbar klaren und kühlen Morgenstunden nutzen zu können. Nach den ersten Höhenmetern öffnete sich das Tal und gab den Blick auf den Aglsboden frei. Bei der Kulisse fand sich der richtige Tritt von ganz alleine und wir kamen gut voran. Vorbei an Gebirgsbächen, Wasserfällen und saftig grünen Almwiesen ging es stetig weiter bergauf. Zur Stärkung vor dem ersten harten Anstieg kehrten wir auf der Grohmannhütte (2.254m) ein und gönnten uns einen schwarzen Tee mit Zitrone in der Morgensonne. Erfrischt und mit neuer Motivation ging es dann in die engen Serpentinen zur nächsten Zwischenstation. Mit der Teplitzer Hütte (2.586m) im Blick schnauften wir uns durch die Stille der Berge, nur einmal unterbrochen durch das hohe Pfeifen eines Murmeltiers. Aufgeschreckt durch den Warnruf beäugte uns neugierig eine ganze Murmeltierfamilie, bis klar war, dass von uns keine Gefahr drohte und man es sich wieder auf den warmen Steinen gemütlich machte. Uns lockte die nächste Etappe mit einer wunderbaren Hochgebirgslandschaft, die neben Abschnitten mit toller Aussicht auch das ein oder andere Schneefeld und erste Versicherungen im Stein bereit hielt. Langeweile kam also nicht auf und ständig begleitet durch die omnipräsenten Wanderzeichen und die Fußabdrücke meines „Bergführers“ Christoph verging die Zeit wie im Flug. Und dann stand nur noch die letzte Etappe an: Der Becherfelsen, an dem das Becherhaus wie ein Adlerhorst thronte. Hier gab es nur noch einen Weg und der führte uns steil bergauf. Ohne die im Felsen angebrachten Drahtseile und Tritterleichterungen wäre der Aufstieg wohl nicht möglich gewesen. Und dann, als ich schon dachte der Abschnitt hätte gar kein Ende, stand hinter dem nächsten Felsen, ganz ohne Vorankündigung und Tamtam, das Becherhaus. Auf 3.195m entschädigte uns der Rundblick für alle Strapazen! Einfach Wahnsinn: Berggipfel soweit das Auge reicht, ein strahlend weißes Gletscherfeld vor der Tür und dahinter das Zuckerhütl, mit 3.507m der höchste Berg der Stubaier Alpen. Nach viel Staunen, Fotos machen und dem Besuch der Kapelle „Maria im Schnee“; die höchstgelegene Europas, lockte uns ein leckeres Abendessen im Becherhaus und dann der wohlverdiente Schlaf.

Abgerundet wurde das für mich bis dahin schon perfekte Wanderabenteuer mit einem Sonnenaufgang am nächsten Morgen. Und damit haben mich die Berge dann endgültig als Wanderfan gewonnen. Der sich langsam erhellende Morgenhimmel, mit den ersten Sonnenstrahlen, die über die entfernten Berggipfel krochen, und das Panorama in den einzigartigen Glanz eines neuen Tages tauchten. Unvergesslich! Der nächste Wanderurlaub kommt bestimmt und ich grüble schon jetzt darüber welchen Gipfel wir in Angriff nehmen könnten. Also lasst euch gesagt sein, ihr Zweifler da draußen: Probiert es einmal aus, bevor ihr wandern kategorisch von eurer Aktivitätenliste streicht! Die Ruhe und Gelassenheit der Berge, die Gewissheit sich den Aufstieg aus eigener Kraft erarbeitet zu haben und die fast schon zu kitschigen Panoramen, sind aller Mühe wert!